Blick zurück auf 2025 – Gebäude bilden den Rahmen – Der Mensch füllt sie mit Leben
Wenn eine Journalistin, Nepal-Kennerin und Freundin der Nepalhilfe Beilngries ihren Winterurlaub in dem Himalaya-Land verbringt, dann darf als Folge auch der Jahresrück- und Ausblick des Vereins etwas anders ausfallen. Tut er, denn Anne Oschwald kann wirklich eine Menge zu diesem beitragen. Fakten, Momentaufnahmen, Emotionen und Erkenntnisse.
Die Berichterstattung aus erster Hand „eingefädelt“ hatte Vorstandsmitglied Michael Rebele, in dessen Aufgabenbereich die Öffentlichkeitsarbeit fällt. Er bat die Ravensburgerin, Einrichtungen zu besuchen und dabei ihr Hauptaugenmerk auf die Menschen zu richten für deren Nutzen sie geschaffen wurden oder werden. In ihnen stehen Erziehung, Bildung und Gesundheit als Grundsäulen der Nepalhilfe im Fokus.
Station eins: Disabled Day Care Home.
Menschen mit Behinderungen und ihre Familien werden in Nepal oft stigmatisiert, die staatliche Unterstützung ist gering. Kinder und Jugendliche im Lhubu Disabled Daycare Center gehören zu den Glücklichen, eine Tagesstruktur zu erhalten, die sie fördert und die gesamte Familie entlastet. Jeden Werktag kommen bis zu 30 Patienten in diese außergewöhnliche Einrichtung und erfahren ein breites Programm. Sport, Physiotherapie, Meditation und Basteln gehören dazu. Mit großem Engagement machen Leiterin Prabha Neupane, deren Team und die Eltern diese Betreuung möglich, die auch die Verpflegung beinhaltet.
Eine enorme Erleichterung verschafft ein 2025 angeschaffter Elektro-Bus, der die kostenintensive Nutzung von Mietfahrzeugen überflüssig macht. Er erweitert den Einzugsradius immens. Eine Momentaufnahme von Anne Oschwald: „Der zehnjährige Scion Maharjan schaut auf dem Nachhauseweg gebannt aus dem Fenster, um das geschäftige Treiben auf der Straße zu beobachten. Alle jungen Insassen sind an dem heutigen Tag ausgesprochen ruhig. Der Fahrer lacht und meint, dass die Stimmung aber oft auch sehr ausgelassen ist. Zuhause angekommen, erwartet die Großmutter den Jungen am Bus. Sie nimmt ihn beim Empfang an die Hand. Mehr als mit ihrem Strahlen im Gesicht lässt sich die Liebe zum Enkel wohl kaum ausdrücken. Nach wenigen Metern beim Elternhaus angekommen, begrüßt auch der Vater den Sohn mit einer Umarmung….“ Saroj Maharjan schildert, dass der Fahrdienst eine große Erleichterung für die Familie ist. Früher hat er den Sohn mit dem Moped gefahren und hat dafür die Arbeit unterbrechen müssen. Im Hintergrund ist das Rattern von Webstühlen zu hören. Wie der Vater sagt, mache sein Sohn erkennbare Fortschritte und genieße die Gemeinschaft. Seit sechs Jahren besucht er das Disabled Daycare Center.
Möglich gemacht hat die Anschaffung des E-Busses das Sponsoring der Firma Deuter, bekannt für Rucksäcke und Outdoor-Ausrüstung. Sie stellten dafür 30.000 Euro zur Verfügung Das Unternehmen steht seit vielen Jahren in enger Verbindung zur Nepalhilfe Beilngries.
Station zwei: Das Spinal Injury Rehabilitation Centre
Eine Einrichtung, die in Nepal beeindruckende Arbeit leistet, ist das Spinal Injury Rehabilitation Centre (SIRC) in Dhulikhel. Doch auch sie ist laufend auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Die Nepalhilfe Beilngries etwa sponserte unlängst 117 Rollstühle. Es sollen nicht die letzten sein.
Die Journalistin gibt ihre Eindrücke wie folgt wieder: „Vor dem Haupteingang strahlt die Blumenrabatte sogar im Winter. Im großzügigen Hof genießen mehrere Personen ihren Aufenthalt an einem Sonnenplatz. Mit ihren Rollstühlen bilden sie einen Kreis. Unter ihnen befindet sich auch Dr. Raju Dhakal, der medizinische Direktor. Auch er nutzt einen Rollstuhl auf Grund einer Behinderung. Folge von Kinderlähmung im Alter von zwei Jahren. Mit seiner offenen und freundlichen Ausstrahlung ist man vom ersten Moment an von ihm eingenommen. Die Einrichtung ist die einzige ihrer Art in Nepal. Seit 2003 gibt es sie. Ehemals war sie in Kathmandu angesiedelt. Seit 2008 befindet sie sich in Dhulikhel, 25 Kilometer östlich der Hauptstadt. Derzeit werden hier etwa rund 60 Patientinnen und Patienten begleitet, die von 84 Mitarbeitenden betreut werden.“
Sie machen rund 400 Patienten jährlich fit für ihr Zuhause, viele sogar für die Rückkehr in eine Erwerbsarbeit. Meist sind es Unfälle im Straßenverkehr, aber auch Stürze in unwegsamem Gelände, die Querschnittslähmungen zur Folge hatten und die Menschen in die Einrichtung führten. Oft sind es Patienten der ärmeren Bevölkerungsschicht und aus dem ländlichen Raum, die hier behandelt werden. 300 von ihnen brauchen einen Rollstuhl für ein möglichst unabhängiges Leben nach dem einschneidenden lebensverändernden Ereignis. Andere werden durch die Reha-Behandlung wieder mobil. Dr. Dhakal erklärt, dass sehr viel mehr Menschen Rehabilitation bräuchten, als sie „seine“ Einrichtung anbieten kann. Aber „Reha“ ist noch ein weitgehend unbekanntes Feld in Nepal. „Deren Nutzen ist noch nicht im Bewusstsein der Gesellschaft und der Menschen angekommen“, bilanziert Anne Oschwald.
Die Kosten einer Reha belaufen sich auf etwa 2.200 Euro. Für westliche Dimensionen ein verschwindend geringer Betrag. Betroffene erhalten dazu vom nepalesischen Staat eine monatliche Unterstützung von umgerechnet 35 Euro. Mangels eines Versicherungssystems wie hierzulande müssen meist Sponsoren einspringen.
Station drei: Schulsanierung und –erweiterung:
Anne Oschwald schreibt: „Ein Tag führte uns nach Panauti: Zusammen mit Hari Adhikari, dem Koordinator der Nepalhilfe Beilngries, ging es von Kathmandu über Lalitpur nach Osten, vorbei an kleinen Hindu-Schreinen, Gärtnereien mit Gewächshäusern, Terrassenfeldern und vielen neugebauten Gebäuden am Stadtrand. Nach anderthalb Stunden erreichen wir die Stadt mit knapp 30 000 Einwohnern. Sie liegt ein wenig außerhalb des Kathmandu-Tals. Auf der Anhöhe über der Ansiedlung befindet sich die Shree Shwet Ganesh Secondary School. Die Schule platzt aus allen Nähten. Mit Unterstützung der Nepalhilfe Beilngries wird jetzt rasch Abhilfe geschaffen.
Rektor Indra Lal Manandhar ist mit einem Bauverantwortlichen im Gespräch vertieft, während um sie herum ein Dutzend Arbeiter am Fundament für das neu entstehende Gebäude werkeln. Erst vor kurzem startete der Bau, dessen Fortschritt inzwischen beachtlich ist. Hier scheint alles etwas schneller zu gehen: vom Antrag für die Finanzierung eines weiteren Gebäudes durch die Nepalhilfe Beilngries bis zum Baubeginn verstrichen lediglich vier bis fünf Monate, erläutert Manandhar. Bereits Mitte April 2026 soll das Gebäude mit acht neuen Klassenzimmern und Räumen fertig sein. Vermutlich ist das Tempo auch seiner Zielstrebigkeit zu verdanken. Sein Herz hängt an der Schule und an den Kindern, die hier eine gute Bildung erfahren sollen. Dafür hat er selbst auf andere verlockende Jobangebote verzichtet.
„Hier habe ich das ABC gelernt“, sagt Manandhar zur Schule, die Narajan Bahadur Giri, einem weitsichtigen Mann zu verdanken ist. Vor 60 Jahren startete dieser mit einer Handvoll Schülern seinen Unterricht – unter einem Baum. Mit großem Respekt spricht der heutige Schulleiter von ihm. In seiner eigenen Schulzeit gab es längst ein paar Gebäude, die bis heute genutzt werden, was man ihnen deutlich ansieht. Etwa für die Kindergartengruppe, die erste Klasse die aus Platzgründen zugleich als Schulkantine dient.
Trotz seines Alters von erst 39 hat Manandhar schon 20 Jahre Jahre als Lehrer vorzuweisen. Wie wichtig Bildung für den einzelnen, aber auch für die Gesellschaft ist, drückt er so aus: Gib einem Menschen Geld für Essen, dann hat er einmal eine Mahlzeit. Gib ihm Bildung, dann hat er das ganze Leben zu essen.
Lediglich drei Unterrichtsstunden – in Englisch – hält er als Rektor am Tag noch selbst, was ihn etwas schmerzt. Ist Unterricht doch das, was er an seinem Beruf besonders liebt. Er tröstet sich damit, dass er als Schulleiter für alle derzeit 350 Schülerinnen und Schüler etwas bewirken kann. Wie beengt die Einrichtung für die große Zahl an Schülern ist, zeigt er beim Rundgang. Das Lehrerzimmer ist gleichzeitig auch das Büro des Rektors. Und für manches auch Lager. Oft muss die Bibliothek für den Unterricht herhalten. Auf den Dachterrassen der zwei neueren Gebäude wurden leidlich und provisorisch vier Klassenzimmer aus Wellblech für die Oberstufen eingerichtet: Im Sommer sind sie brütend heiß und im Winter lausig kalt. In einem der alten Gebäude ist neben der Kantine ein Klassenraum für die Abc-Schützen. Gegessen wird aus Platzgründen in Schichten. Nach Fertigstellung des Neubaus wird es aber anders aussehen. Dann gibt es neben Platz für neue Klassenzimmer unter anderem ein eigenes Labor, einen Konferenzraum und einen Raum für Wahlfächer.
Manandhar zeigt auf seinem Handy die schulischen und sportlichen Aktivitäten und Erfolge der Schülerinnen und Schüler. Er wolle die Besten der höheren Klassen motivieren, Lehrer zu werden, und zwar im eigenen Land. Denn er bedauert, dass so viele junge, fähige Menschen in andere Länder abwandern.
Michael Rebele ist dankbar für Anne Oschwalds unabhängige Schilderungen und Eindrücke, bekräftigen sie doch genau das, wofür die Nepalhilfe Beilngries seit fast 35 Jahren steht: Das Leben möglichst vieler Menschen in einem so armen Land zu verbessern. Dafür sollte dann auch ein Jahresbericht einmal anders ausfallen dürfen…







